Das Runde muss ins Eckige 3/8

Heinz-Dieter Brandt

von Heinz-Dieter Brandt

Story

In Deutschland, wie konnte es anders sein, war Sport nicht Selbstzweck. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war in Schule und Militär Leibeserziehung und körperliche Ertüchtigung gleichbedeutend mit Turnen. Diese grandiose Idee des Vaters der deutschen Turnbewegung, Friedrich Ludwig Jahn, entstand aber einzig aus dem Gedanken Turnen als Wehrertüchtigung, Turnen als Reaktion auf die französische Fremdherrschaft einzurichten, um die deutsche Jugend körperlich auf einen angestrebten Befreiungskrieg vorzubereiten.

„Sport ist Mord“, sagte später Churchill und lag damit irgendwie richtig.

Ob bereits in den 1850er Jahren in Dissen am Teutoburger Wald und in Heidelberg wiedermal wenig lernbegeisterte englische Internatsschüler mit Einheimischen nach den Regeln der Rugby School Fußball spielten, ist nicht belegt.

Belegt sind dagegen erste Spiele nach den Regeln der Football Association (FA) aus dem Jahre 1875 in Lüneburg, wo der Lehrer Wilhelm Görges und der junge Engländer Richard E. N. Twopeny vom Marlborough College das Fußballspiel am dortigen Johanneum einführten.

Dieses Vergnügen hieß damals dann „englischer Sport“ oder auch die „englische Krankheit“ und wurde später verächtlich als „Fußlümmelei“ bezeichnet.

In den ersten Jahren wurde Fußball von britischen Unternehmern, Studenten, Technikern, Geschäftsleuten und Botschaftsangehörigen gespielt. In Darmstadt spielten deutsche Gymnasiasten inoffiziell in einem englischen Fußballclub. Als sie jedoch dem Verein beitreten wollten, wurde ihnen dies vom Rektor des Gymnasiums strikt untersagt, weil „es ein blutiges Spiel wäre“.

Fußball wurde also vor allem von den Besserverdienenden gespielt, was sich ja bis heute in einer besonderen, nun allerdings umgekehrten Weise, immer noch darstellt, wenn 22 Millionäre untereinander kicken.

Arbeiter hatten kaum die finanziellen Mittel, um die hohen Anschaffungskosten für die Ausrüstung aufzubringen; sie organisierten sich weiterhin in Turnvereinen. Angestellte waren dagegen aufgeschlossener und bereit, einen großen Teil ihres Einkommens für Freizeitaktivitäten, auch solche zweifelhafter Art, auszugeben.

Die Nachahmung studentischer Vereinskulturen, wie die latinisierten Vereinsnamen „Borussia“, „Alemannia“, die Übernahme von Farbbräuchen, die Umdichtung von Liedgut und die Verwendung von Attributen bürgerlichen Ansehens, wie Orden, Medaillen und Titel wie „Meister“, die es im Berufsleben der Angestellten nicht gab, prägten den frühen Fußball in Deutschland.

Sportler und Sportfunktionäre verfolgten mit der Ausübung ihrer Sportarten jedoch weniger übergeordnete politische Ziele als vielmehr eine Freizeitbeschäftigung im bürgerlichen Milieu.

© Heinz-Dieter Brandt 2024-07-19

Genres
Humor& Satire
Stimmung
Komisch, Informativ