Am Jahrestag war Leo ganz nervös. Lina spürte, irgendetwas stimmte nicht. Er hatte zwar noch seine Wohnung, war aber schon bei ihr eingezogen; nur wenn sie ihre Eltern in Tirol besuchte, schlief er bei sich; alles Gewand und sein Rad waren bei ihr. Drei gemeinsame Urlaube, viele Wochenenden in den Bergen; sie wirkten wie ein frisch verheiratetes Paar.
Beim Frühstück dann die nicht überraschenden Überraschungsgeschenke: er bekam die teure Laufuhr, die er seit Wochen regelmäßig durchs Schaufenster bewunderte, sie bekam eine Halskette mit einem winzig kleinen Schmetterling darauf. Ein zärtlicher Kuss, eine lange Umarmung, doch dann hielt sie es nicht mehr zurück: Was ist denn heute? Du bist so … unsicher. Er: Ja, wie soll ich sagen. Schon ganz am Anfang wollte ich damit raus. Sie: Womit raus? Er: Ich wäre gar nicht dein Date gewesen vor einem Jahr. Tom, der kam dann vermutlich noch nach zehn Minuten. Ich habe dich einfach so angesprochen, war ich am Heimweg vom Büro. Freitagabend, früher heim, noch einen Umweg über die Kärntner Straße vorbei am Haupttor und dort standst du; angespannt; wartend und zugleich noch nicht wartend.
Lina schaut ihn an, nicht böse, nicht überrascht. Sie lächelte nicht mit dem Mund, aber ihre Augen verrieten in inneres Lächeln. Lieber Leo, ich wusste von Anfang an, dass du nicht mein Date bist. Tom hätte eine helle Hose und ein blaues T-Shirt getragen. Ich fand’s einfach toll, wie mutig du warst und mich einfach so ansprichst. Ok, zuerst dachte ich, vielleicht ein anderes Outfit, aber als du dich dann als Leo vorgestellt hast und nichts von unseren Chats erzählt hast, war klar, du bist jemand anderer.
Leo war erleichtert; ein Jahr fühlte sich immer wiedermal wie ein Betrüger, wie jemand, der Lina einem gewissen Tom geraubt hatte.
Ich habe auch eine Beichte: Die Marienbrücke ist nicht mein dritter Lieblingsplatz. Es war halt so romantisch in dem Zeitpunkt zu sagen, ja das ist auch einer von meinen. Er: Sowas! Na ja, dann gehen wir eben heute zu deinem dritten Platz.
Zwei Stunden später standen sie auf der Freyung. Im Grunde ist es der ganze Platz, ich habe immer ein besonders Wohlgefühl, wenn ich hier drüber spaziere. Warum, das weiß ich nicht; vielleicht, weil er nicht viereckig ist, vielleicht ist es der leichte Anstieg, das Kopfsteinpflaster, die Straße, die wie ein Fluss mittendurchschneidet. Vielleicht ist es auch der Brunnen; ganz oben, das ist Austria und sie ist umgeben von vier Flüssen, die in vier unterschiedliche Meere fließen. Damals alle Teil der Monarchie, heute irgendwie Sinnbild für die vier Himmelsrichtungen.
Während sie sprach, angelehnt an das Brunnenbecken, ging, von ihr unbemerkt, Leo neben ihr auf die Knie und holte ein Schachtelchen aus seiner Hosentasche. Als sie sich ihm wieder zuwandte und auf dem Boden kniend sah, schrie sie nur: Ja, ich will! Es war ein kleiner schmaler Ring mit genau dem Schmetterling, der auch ihre Kette zierte. Er schien für den Abflug bereit
© Christian Windensee 2021-02-14