von Marianna Vogt
«Hier, das habe ich im Stadtpark gefunden.» Sie hielt mir ein Körbchen ausgefüllt mit Holzspänen entgegen. «Ich weiß, dass du dich mit Vögel auskennst, so dachte ich mir, dass er bei dir in guten Händen ist», dabei schmunzelte sie spitzbübisch.Ich lehnte mich etwas vor und schaute verdutzt auf das kleine, fast nackte Wesen. Ich erkannte einen Vogel. Er musste vor ein paar Tagen geschlüpft sein, denn es schmückten ihn erst ein paar bunte Federkiele. Seine roten Füße waren im Verhältnis zu seinem Körper riesig. Er war gerade mal so groß, dass er bequem in meine Hand passte. Er zeigte keine Angst und schaute mich mit seinen orangen Knopfaugen neugierig an.Ich glaube in dem Moment habe ich mich in diesen putzigen Kerl verliebt!
«Na, du süßer Exot wo kommst du denn her? Wer hat sowenig Herz und setzt dich einfach aus?» Sorgfältig, wie ein rohes Ei, legte ich ihn wieder zurück ins Körbchen. Ich hatte absolut keine Idee, um welche Vogelart es sich handeln könnte, daher schickte ich sie ins Zoohaus um nachzufragen.Kopfschüttelt kam sie zurück: So etwas haben sie noch nie gesehen!Ich beschloss, ihn nach Hause mitzunehmen. Im selben Wohnblock wohnte ein Mann, der in einer Vogelauffangstation arbeitete, den wollte ich um Rat fragen.
Als meine Kollegin sich von ihrem Findling verabschiedete, fragte sie mich, ob sie ihm einem Namen geben dürfe.«Auf jeden Fall, wie soll er denn heißen»?, fragte ich sie fordernd.«Giacomo, so heißt mein Freund!»Etwas ungewohnt, dieser Name für einen Vogel, aber er ist ja auch etwas Spezielles, dachte ich mir.
In der Mittagspause brachte ich das putzige Kerlchen nach Hause und legte ihn behutsam in einen Vogelkäfig. Stellte ein Schälchen Wasser und etwas Vogelfutter dazu, schließlich wollte ich Giacomo nicht verhungern lassen.
Als ich am Abend von der Arbeit kam, bettelte der arme Kerl um Futter. Ich bemerkte mit Schrecken, dass er weder das Wasser noch das Futter angerührt hatte. Schnell telefonierte ich dem Nachbarn. Zum Glück war er zu Hause und kam sofort vorbei. Nach einem kurzen Kennerblick anvertraute er mir, dass es sich um den von mir genannten Exoten, um eine normale Stadttaube handelte. «Kaufen Sie eine Pipette und füttern sie ihn mit Möhren und Äpfel.»
Gesagt getan – auch kaufte ich ihm einen grossen Hasenkäfig.Ab jetzt war ich zur Taubenmama erkoren.Ich kam mir vor wie eine stillende Mama – denn Giacomo bettelte oft nach Futter und gab erst Ruhe, wenn er sein Shoppen (Pipette) in Reichweite sah!
Fortsetzung folgt…
© Marianna Vogt 2021-04-11