Ein kühler Herbstmorgen. In der Nacht hatte es Sturm gegeben. Blätter und Äste waren von Bäumen heruntergefallen, Unfälle geschehen. Andernorts hatte es schwere Überschwemmungen gegeben. Immer wieder gab es vorher Sturmwarnungen. Betty bangte um die Menschen, die Tiere, die Natur und besonders um die Retter, die unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit sich für andere aufopferten. Ihr Bangen galt auch denen, die ihr Tagwerk vollbrachten, mitunter weder Anerkennung noch Lob oder Dankbarkeit erhielten. Betty stand im Nachthemd auf dem Balkon, holte tief Luft, gähnte, reckte und streckte sich. Ihre Arme ruderten einige gymnastische Bewegungen. Die Hände auf die Brüstung gestützt, begann sie die Beine hin und her zu schlenkern, Rumpf- und Kopfkreisen folgten. Ein Blick in Richtung der Bäume. Ihr Gesicht wurde von einem Lächeln überzogen. Zwei Eichhörnchen sprangen von einem Baum zum anderen. Wenn ich so springen könnte, dachte sie und lachte laut. Rennen geht ja noch! Ihre Finger glitten streichelnd über die bunten Blumen in den Blumentöpfen und Kästen. Gieße mich, schienen diese zu rufen. Der Wind hatte die Erde ausgetrocknet. Kostbares Nass ergoss sich nun aus ihrer Gießkanne. Es folgte hier und da noch ein Blatt zupfen und das Geraderücken der bunten Windmühlen, die beim Sturm verrutscht waren. Wohlweislich hatte sie diese straff festgebunden, damit diese nicht wieder vom Wind verweht wurden und unauffindbar waren. Kinder werden sich gefreut haben.
Betty begab sich ins Bad, ließ ihr Nachthemd fallen und begann sofort mit dem Runderneuerungsprogramm. Eine Rotlichtlampe strahlte ihren Rücken an. Der Lieblingssender im DAB-Plus-Radio auf der Waschmaschine lief. Die fröhlichen Moderatoren Elena und Silvio waren putzmunter und versprühten gute Laune, die sofort ansteckend wirkte. Sie war den beiden dafür sehr dankbar. Nicht nur sie, sondern auch tausende Zuhörer. Das wurde immer wieder bekundet, was stets Elena und Silvio erfreute. Mittlerweile angezogen, gestriegelt, Ohrringe und Kettchen angelegt, eingecremt und dezent geschminkt, Haare raffiniert mit einer Spange zusammengehalten, begann Betty ihre Arbeit. Brot wurde mit Butter bestrichen und liebevoll belegt. Das Mahlwerk der Kaffeemaschine mahlte Kaffeebohnen. Wasser blubbert. Das Aroma verteilte sich in allen Räumen, weckte den Hausherrn. Kurze Morgenbegrüßung und er watschelte ins Bad. Betty streichelte den hölzernen Buddha, der auf dem Tisch sitzend alles lächelnd überwachte. Ihre Hände glitten über seinen Kopf, den Rücken, den runden Bauch und seine Beine. Ein Indischer Elefant bekam auch seine Streicheleinheiten. Es war ein tägliches Ritual, welches Glück bringen sollte. Musik lief auch hier, im Wohnzimmer. Nachrichten wurden leiser gemacht. Sie hatten genug von alledem und wollten sich ihren Herbst des Lebens nicht mehr weiter vergällen lassen. Ihre Tage, Wochen und Monate, Jahre, die waren bereits gezählt. Sie wussten, so wie die einst goldenen Blätter, die jetzt welkende waren, langsam herabfielen, genauso würden sie welk und eines Tages ihre Ruhe unter Bäumen finden. Ameisen, Eichhörnchen, anderes Getier, Vogelgezwitscher, das Rauschen der Blätter und das Flüstern der Bäume würden sie umgeben. In einem Friedwald, Natur, Ruhe in Frieden.
© Elisabeth-Christine Kayser 2023-10-23