Genau jetzt, aber nicht hier, an einem Ort, an dem jeder grüne Fleck von Beton erstickt wird, an dem sich Häuserblock an Häuserblock reiht, an dem die Kinderköpfe schon voller Gedanken der Erwachsenen sind, wo ein Gemisch aus Rauch, Parfüm und Nagellackentferner die Hausflure durchströmt und die dicke Luft sich zwischen den Fassaden staut.
Dort, wo kurzgeschorenes Gras die Innenhöfe schmückt und aus den Fenstern Musik, Lachen und Geschrei nach draußen drängen – genau dort fühlen sich die Flausen wohl. Flausen haben die lustigsten Formen. Manche sehen aus wie Schmetterlinge, andere wie Hasen, wieder andere wie Drachen und erinnern eher daran, als hätte ein kleines Kind Farbpulver wild durch die Luft gewirbelt. Die Flausen spielen miteinander und ergeben ein wundervolles Wimmelbild, auf dem sich die wundersamsten Wesen tummeln.
Selbst aus den verschrobesten und geheimnistuerischsten Köpfen finden die Flausen einen Weg nach draußen, um mit den anderen zu spielen oder einfach Krawall zu machen. Dementsprechend geht es wild zu, dort, in den Innenhöfen. Bei einem genauen Blick auf dieses Getümmel sticht ein Wesen ganz besonders. Es ist nicht wirklich zuordenbar, keine Schublade scheint hier passend, es ist auch viel größer und auffälliger als alle anderen Wesen. Ein rosa Elefant steht etwas abseits und unbeholfen auf der Bildfläche und weiß so gar nicht, wohin mit sich.
Er schämt sich sehr dafür, dass er so anders zu sein scheint als alle anderen Flausen und beobachtet das Geschehen von außen in der Annahme, dass alle ihn insgeheim anstarren und warten, dass er endlich gehe und aufhöre das Bild zu stören. Dieser Gedanke bildet mit anderen Gedanken dieser Art ein Karussell in seinem Kopf, welches wie von Zauberhand um einen Gedanken in der Mitte kreist.
Es ist der „Ich darf nicht sein“-Gedanke. Und je mehr er versucht, ihn nicht zu denken, desto größer wird er. Genau wie der rosa Elefant selbst. Und auch der rosa Elefant scheint immer größer und größer zu werden. Immer wenn an ihn gedacht wird, wächst er. Deswegen ist er jetzt schon so groß, dass er die anderen Flausen um mehrere Köpfe überragt. Doch seltsamerweise bleibt er dennoch ungesehen.
Der rosa Elefant würde so gerne mit den anderen Flausen spielen. Er möchte mit den Hasen hoppeln, mit den Drachen Feuer spucken, mit den Schmetterlingen fliegen und mit den Farbklecksen alles bunt machen. Aber nichts davon kann er. Er ist ja ein Elefant, wie soll er auch hoppeln, Feuer spucken, fliegen oder alles bunt machen?
Da er hier der einzige rosa Elefant ist, weiß er auch überhaupt nicht, wie sich rosa Elefanten eigentlich verhalten. Er geht einen Schritt auf die anderen Flausen zu. Dann noch einen. Und noch einen. Niemand scheint ihn wahrzunehmen. Irgendwann steht er inmitten der Flausen und immer noch hat ihn niemand gesehen.
© Franziska Eichler 2024-08-13