Ist man Fotograf oder wird man Fotograf? Das Anlage-Umwelt-Problem beschäftigt seit Jahrzehnten die Psychologie, so kann man sich naturgemäß auch im beruflichen Umfeld fragen, ob man etwas ist oder wird. Genau darüber sprach ich im Podcast mit Martin Jager, der eine schöne Geschichte aus seiner Kindheit erzählte. Als er seinen ersten Fotoapparat mit etwa zehn bekam, und seine Mutter die Fotos ihres Sohnes sah, war sie überrascht, wie gut die getroffen waren und ermutigte ihn, über eine Karriere als Fotograf nachzudenken.
Oft stülpen Eltern längst gefasste Berufsvorstellungen über ihre Kinder, sie übersehen dabei besondere Talente und wollen einfach, dass es so wird, wie sie sich ein Berufsleben vorstellen. Ohne Zweifel ist man in den Berufen erfolgreicher, wo man auch Talent mitbringt. Andererseits gibt es Berufe, wo man sich nicht täglich beweisen muss, wo man routiniert seine Aufgaben erfüllen kann und sich wenig Sorgen um die weitere berufliche Existenz machen muss. Viele Eltern wünschen sich eher solche Berufe für ihre Kinder.
Fotograf ist nicht so ein Beruf. Da muss man sich ständig beweisen, selbst gegenüber Amateuren, die mit ihrem Smartphone bereits gute Ergebnisse erzielen können. So komme ich wieder zur schönen Mutter-Sohn-Geschichte. Wie viel Vertrauen muss eine Mutter in ihren Sohn haben, wenn sie ein Talent entdeckt und ihm rät, daraus etwas beruflich zu machen, wenn es um einen Job geht, wo man sich nur durchsetzen kann, wenn man wirklich gut ist?
Wenn jemand etwas erreichen will, dann benötigt er nicht nur Talent, sondern auch Selbstvertrauen und das bekommt man vor allem durch das Vertrauen der Eltern. So werden Kinder durch viel Vertrauen gestärkt und durch wenig Vertrauen geschwächt. Wissen das die Eltern?
Martin Jager ist jedenfalls ein Mensch voller Selbstvertrauen und wenn man sich seine Fotos anschaut, weiß man, warum. Er gewinnt nicht nur das Vertrauen seiner KundInnen, sondern auch zahlreiche Preise für seine Werke.
Wer glaubt, dass Selbstvertrauen und Talent reichen, um es im Leben weit zu bringen, der täuscht sich. Martin Jager erzählt nicht nur über die gute Schule, die er besucht hat, und die KollegInnen, die ihn inspiriert haben, sondern auch über das Handwerk, das er rund ums Fotografieren erlernen musste.
Wenn man Menschen und keine Sachen fotografiert, kommt noch ein weiterer Aspekt dazu: Es geht um Empathie und Vertrauen. Wenn man keine gute Beziehung zu den Menschen aufbaut, die man fotografiert, wird das Foto meist nicht gelingen. Dafür hat man in der Regel wenig Zeit, aber auch darin liegt eben die Kunst des Fotografen.
Wie man sieht, ist die Berufswahl komplex und wenn man einen künstlerischen Beruf wählt, wird es besonders komplex. Man kann alle Anforderungen schaffen und durchaus erfolgreich werden, wenn man das Glück hat, dass einem die Eltern nicht nur vertraut haben, sondern einem auch allerhand zugetraut haben. Und zwar genau dort, wo die Talente tatsächlich liegen.
© Norbert Netsch 2021-08-25